Mal ist alles richtig, was eigentlich falsch ist: Das Rotkäppchen sowieso, weil es keinen eigenen Weg findet, sondern auf Mutters Spuren hinuntergefressen wird, das Schneewittchen, weil die Kinder nie erfahren werden, welch Geistes Kind der „gute“ Jäger war – und natürlich, bevor ich es vergesse, der Weihnachtsmann, der züchtigte, in den Sack steckte und den braven Kindern gute Gaben, wie Äpfel, Nüsse und Mandeln schenkte.
Dann ist wieder alles falsch, was eigentlich richtig ist: Märchen sind romantische Vorstellungen erwachsener Menschen über das, was Kinder angeblich denken. Manchmal treffen sie es sogar – aber dann eben auch wieder nicht. Das wird das geklaute Rotkäppchen der Grimms ohne verständliche Moral wieder zum gebrauchsfähigen Kindermärchen, das von den Grimms zusammengeklebte Schneewittchen zum romantischen Kindermärchen für Mädchen (konkurriere mit Mutter oder Schwiegermutter, bis dass sie tot umfällt) und auch der Weihnachtsmann kommt wieder verklärt als Lichtgestalt der Kindheit zum Vorschein.
Psychologie eignet sich prima dazu, immer alles so zu hinzudrehen, wie der Wind gerade weht. Gäbe es sie nicht, müsste sie dafür erfunden werden. Vielen Dank,
Felicitas Heyne: Erwachsene brauchen Märchen.
Erscheint auch in "Ich schreibe für Sie"